Recruiting: „Die Übermacht der Arbeitgeberseite existiert nicht mehr“

Es wird immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter und engagierte Führungspersönlichkeiten zu finden und zu halten. Wie Arbeitgeber auf diese Herausforderung reagieren können, ist das Thema eines Workshops auf dem Anwaltszukunftskongress, der am 13. und 14. September 2018 in Düsseldorf stattfindet. Dort wird unter anderem auch Dr. Nico Rose, Vice President Employer Branding & Talent Acquisition bei der Bertelsmann SE & Co. KGaA, über seine praktischen Erfahrungen berichten.

 

Wie unterscheiden sich heutige Bewerbergenerationen in ihren Wünschen und Bedürfnissen von vorherigen?

 Dr. Nico Rose: Meines Erachtens werden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Generationen – Golf, Y oder Z und wie sie alle heißen – überbewertet. Mehr Flexibilität und Work-Life-Balance im Arbeitsleben wünschen sich doch letztlich alle – das gilt generationenübergreifend. Die heutige Arbeitnehmergeneration tritt mitunter im Vergleich zu früheren couragierter bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche auf. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Übermacht der Arbeitgeberseite im Kampf um die besten Talente inzwischen nicht mehr existiert.

 

Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Dr. Nico Rose: Das liegt zum einen am demografischen Wandel. Es kommen weniger junge Leute auf den Arbeitsmarkt. Demzufolge erhöht sich nach den Gesetzen des Marktes auch ihre Verhandlungsmacht. Darüber hinaus nutzen Bewerber heute ganz verschiedene Quellen, um sich über ihren potenziellen Arbeitgeber genau zu informieren. Das beeinflusst selbstverständlich ihre Entscheidung.

 

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Arbeitgeber?

Dr. Nico Rose: Sie sollten nicht länger versuchen, ausschließlich ein perfektes Image ihres Unternehmens oder ihrer Organisation zu kultivieren, denn die meisten Bewerber werden das ohnehin kritisch hinterfragen. Beim Employer Branding geht es vielmehr darum, auf Fragen wie „Warum gibt es uns und warum sollte es uns auch noch in Zukunft geben?“ ehrliche Antworten zu finden. Was und wie wir es tun, wie wir unsere Zeit nutzen – dieses Bewusstsein spielt für jüngere Generationen eine immer bedeutendere Rolle. Und natürlich ist es für Personaler wichtig zu entscheiden, welche Kanäle sie in Abhängigkeit von den jeweiligen Zielgruppen für ihr Employer Branding nutzen wollen. Das Angebot ist inzwischen so groß, dass sie eine Auswahl treffen müssen.

 

Welche Rolle spielt heute die Technik im modernen Recruiting-Prozess?

Dr. Nico Rose: Es gibt beispielsweise Algorithmen, um Bewerber vorzusortieren. Aber letztlich hat sich noch nicht viel verändert. Niemand will sich von einem Computer einstellen lassen, am Ende steht immer die menschliche Begegnung. Ich empfehle auch jedem Unternehmen, sich zunächst um seine Kernprozesse, vor allem um ein effizientes Bewerbermanagement, zu kümmern. Das ist wichtiger, als irgendetwas Lustiges auf YouTube oder Facebook zu posten.

 

Wie kommunizieren Sie mit Bewerbern?

Dr. Nico Rose: Bewerber können uns auch über WhatsApp oder Twitter kontaktieren – der Kommunikationsweg ist völlig egal. Wir möchten möglichst schnell interessante Menschen kennen lernen. Dafür sind im ersten Schritt auch keine Anschreiben oder Zeugnisse nötig.