„Weite Teile des Berufsrechts sind überflüssig“

Wie vertragen sich berufsrechtliche Vorschriften und neue Technologien im modernen Kanzleialltag? Mit diesen Fragen wird sich unter anderem Prof. Dr. Volker Römermann, Vorstand der Römermann Rechtsanwälte AG in Hannover, in einem Workshop auf dem Anwaltszukunftskongress beschäftigen. Die Veranstaltung findet in diesem Jahr am 13. und 14. September in Düsseldorf statt.

 

Im vergangenen Jahr wurden beispielsweise die Verschwiegenheitsregelungen reformiert. Benötigen Anwälte überhaupt noch ein spezifisches Berufsrecht?

 Prof. Dr. Volker Römermann: Weite Teile sind in der Tat überflüssig. Die viel zu ausdifferenzierte und pseudoperfektionistische Verschwiegenheitsregelung gehört dazu. Der Mandant geht in der heutigen Zeit doch automatisch von einer arbeitsteiligen Welt aus und findet es selbstverständlich, dass etwa manche Dienstleistungen in einer Kanzlei auch von Dritten erbracht werden. Es ist mitunter eine wahnwitzige Diskussion, die da geführt wird. Meines Erachtens sind die Regelungen zum anwaltlichen Werberecht ebenfalls überflüssig. Der Anwalt ist auch Unternehmer und unterliegt somit den Vorschriften des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb. Darüber hinaus sollten andere Teile des Berufsrechts besser geregelt werden. Als Beispiele nenne ich nur die Fortbildungspflicht oder das Verbot der Interessenkollision.

 

Behindern Ihrer Meinung nach Vorschriften wie das Rechtsdienstleistungsgesetz die Innovationen auf dem deutschen Rechtsberatungsmarkt?

Prof. Dr. Volker Römermann: Die Erteilung von Rechtsrat sollte weiterhin den Anwälten vorbehalten bleiben. Das ist die Grundidee des Rechtsdienstleistungsgesetzes, das ja die außergerichtliche Beratung unter Erlaubnisvorbehalt stellt. Ich finde das gut und richtig, denn auf diese

Weise wird ein gewisses Maß an Publikumsschutz und Qualität garantiert.

 

Aber agieren Betreiber von Legal Tech-Plattformen, die Rechtsberatung anbieten, damit nicht immer noch in einer rechtlichen Grauzone?

 Prof. Dr. Volker Römermann: Hinter vielen Plattformen stecken nicht direkt Anwälte, weshalb sich diese Angebote eher auf die Vermittlung von Rechtsrat beschränken. In diesen Fällen könnte nach meiner Einschätzung eher das Verbot der Gebührenteilung ein Problem sein. Aber auch hier gibt es längst pfiffige Gestaltungen. Eine liberalere Regelung halte ich aber für überlegenswert.

 

Stellt nicht auch das so genannte Fremdbesitzverbot ein Hemmschuh für die Innovationskraft innerhalb der Anwaltschaft dar?

Prof. Dr. Volker Römermann: Ich vertrete die Auffassung, dass die Beteiligung Dritter für Kanzleien viele Chancen bergen könnte. Sie hätten zum Beispiel die Gelegenheit, ihr Management zu professionalisieren. Es wäre doch von Vorteil, wenn Personaler, Marketing- oder Finanzexperten das Geschehen in der Kanzlei unmittelbar mitgestalten könnten. Auch von einer guten Kapitalausstattung könnte eine Kanzlei profitieren. Bei der Diskussion dieses Themas sollten die Verantwortlichen nicht immer nur die Gefahren beschwören, sondern auch die Vorteile mit offenen Augen sehen.

 

Kritiker befürchten vor allem, dass die Anwälte dann ihre Unabhängigkeit verlieren. Wie stehen Sie zu diesem Punkt?

Prof. Dr. Volker Römermann: Diese Gefahr wird meines Erachtens überbewertet. Auch heute gibt es viele Anwälte, die für wenige, manchmal sogar nur für einen einzigen Mandaten tätig sind. Diese Anwälte sind doch nicht gänzlich unabhängig in einem wirtschaftlichen Sinne! Außerdem gibt es doch auch Möglichkeiten, die Einflussnahme vertraglich zu begrenzen, wenn sich Fremde an der Kanzlei beteiligen wollen. Ich bin der Meinung, dass sich Vieles regeln lässt und es der Anwaltschaft gut täte, etwas angstfreier an diese Themen heranzugehen.